Sind 7 Jahre Bauzeit und weniger als 1 Mrd. € zu schaffen?

Veröffentlicht am 16. Oktober 2024 um 10:52

Dies ist mit Abstand die meist gestellte Frage aus den eMails unserer Unterstützer. 

 

Die 35,8 km lange Stadtbahn soll in drei Abschnitten für weniger als 1 Mrd. € gebaut werden. Der erste Spatenstich ist für 2033 geplant. Die technische Abnahme aller drei Abschnitte soll nach sieben Jahren 2039 vollzogen werden. Die IBS1 ist 12,5 km lang und soll maximal vier Jahre dauern. Das ist für so ein Mammut-Projekt ein ehrgeiziges Ziel, zumal der Bauplan sehr eng gestrickt ist. Andere öffentliche Projekte haben ihren Zeitplan deutlich überschritten. Stuttgart 21 verzögert sich nach neuesten Zahlen um sieben Jahre, der Flughafen Berlin war dreizehn Jahre spät, die Elbphi sechs Jahre.

 

In Kiel sind Verzögerungen und Verteuerungen auch bei weitaus kleineren Projekten üblich:

  • Die Holstenfleet ist 180m lang und 10m breit. Der Bau sollte 11,5 Mio.€ kosten. Die Kosten erhöhten sich auf 18,7 Mio.€, obwohl die Bauzeit von drei Jahren beinahe eingehalten wurde. Als Gründe für die Verteuerung wurden Baukonjunktur, Bodenentsorgung, Betonelemente und Freianlagen angegeben.
  • 500m Spundmauer der Kiellinie sollte 8,8 Mio geplant und hat schließlich 14,5 Mio. € gekostet. Der Bereich wurde 2016 durch einen Bauzaun abgesperrt. Erst 2021 begannen die Bauarbeiten. 2024 wurden die Arbeiten beendet. Für Verzögerungen wurden unter Anderem 1.000 Verdachtsmomente für Weltkriegsmunition genannt.
  • Die Baumaßnahmen am UKSH sollten zu Beginn 2014 2,5 Mrd. € kosten. Laut Landesrechnungshof sollen die Arbeiten nun erst 2044 beendet werden, zu Kosten von nun 3,7 Mrd.€. (LRH, 6.24, Bemerkungen 2024, S.95)

 

Es erscheint also als sehr unrealistisch, eine 12,5 km lange Strecke quer durch Kiel in maximal vier Jahren und 35,8km in sieben Jahren zu bauen, wenn 180m und 500m jeweils drei Jahre dauerten. Eher sollte das UKSH als Beispiel genommen werden: Die Stadtbahn wird mindestens 20 Jahr Bauzeit benötigen. In den Jahren kann sich Kiel durchgehend auf ein Verkehrschaos einstellen.

 

Damit die Kieler Stadtbahn nach sieben Jahren Bauzeit und für weniger als 1 Mrd. € zum ersten Mal Passagiere aufnehmen kann, müssten alle Bauunternehmer sich auf die Kieler Stadtbahn konzentrieren, alle benötigten Bauarbeiter sich trotz Personalmangel einfinden, alle Baumaterialien rechtzeitig ankommen, alle Genehmigungen rechtzeitig vorliegen, alle benötigten Grundstücke rechtzeitig von den jetzigen Eigentümern gekauft werden, es dürften keine externe Krisen (Covid, Kriege, Migrationsthemen, usw.) oder andere externe Faktoren (Großveranstaltungen, unvorhergesehene Baustellen in und um Kiel) auftreten, die Zulieferer und deren internationale Zulieferer für Fahrzeuge, Oberleitungen, Signalisierung, Haltestellen, müssten alle solvent bleiben und Kapazitäten für Kiel reservieren, im Baugrund dürften sich keine Altlasten oder Kampfmittel aus dem Zweiten Weltkrieg finden, die Trennung, Verlegung und Neuanschlüsse der unterirdischen Versorgungsleitungen (Strom, Wasser, Abwasser, Gas, Kabel, etc.) an sämtliche der Stadtbahn anliegenden Häuser müsste reibungslos verlaufen, es kommt wegen Kostensteigerungen nicht zu Verzögerungen, es regnet und schneit nicht übermäßig, oder auch sonst bekommen wir in Kiel keine ungewöhnlichen Wetterphänomene.

 

Dann würde der innerstädtische Verkehr für sieben Jahre extreme Behinderungen erfahren. Man denke alleine an die Bauarbeiten für die erste Trasse von der Fachhochschule über die Werftstraße, den Hauptbahnhof, die Bergstraße, die Holtenauer Straße bis zur Universität. Die neuen Bushaltestellen werden alle wieder entfernt, der Straßenbelag aufgerissen, Fußgänger queren die Straßen über kleine Brücken, überall Lärm, Baufahrzeuge, Schutt, umgesägte Bäume, Lieferverkehr, der versucht, die Einzelhändler zu beliefern, Autos, die nach Parkplätzen suchen, Busse, die umgeleitet werden und für die in den umgebenden Straßen provisorische Haltestellen geschaffen werden, der Radverkehr auf der Suche nach Lücken, von Morgens bis Abends Stau in Kiel und den Einfallstraßen. Menschen mit Rollstühlen, Rollatoren und Kinderwagen versuchen sich den immer wieder neuen Gegebenheiten anzupassen.

 

Welcher Bürger hätte bei diesen Zuständen Lust, innerhalb Kiels noch einkaufen zu gehen oder über die Holtenauer Straße zu flanieren? Wie viele Touristen würde Kiel verlieren? Wie viele Einzelhändler würden überleben? Wer würde entlang der Baustelle noch die Cafés oder Restaurants besuchen? Wer möchte entlang der Trassenbaustelle noch Wohnungen mieten? Wie viele Studierende würde Kiel verlieren? Wie viel früher müssten alle aufstehen, um pünktlich bei der Arbeit, der Uni, der Schule zu sein? Welche anderen Projekte könnte Kiel nicht verfolgen können? Welche Steuern, Gebühren und Abgaben würden erhöht werden? Wie lange würde es nach Vollendung der Stadtbahn dauern, um all die Auswirkungen wieder zu kompensieren? Würden sich die Mieten nach Baufertigstellung erhöhen?

 

Wir haben übrigens noch nicht über die dann neue Parkplatzsituation gesprochen. Nach einer Parkraumstudie der Stadt Kiel gibt es ca. 26.000 öffentlich bewirtschaftete Parkplätze in Kiel. 10% dürfen 400m zu beiden Seiten der Trasse wegfallen. Es werden also 2610 Parkplätze in den Haupteinkaufszonen fehlen. Da ab 2035 keine Verbrenner mehr neu zugelassen werden, fahren 2039 vermehrt auch eAutos auf der Suche nach Parkplätzen und Ladestationen herum. Die Autofahrer werden am ehesten die Innenstadt meiden und lieber lokal oder in dann neu entstehenden Einkaufszentren wie CittiPark einkaufen gehen. Die Holtenauer Straße ähnelt dann mehr und mehr der desolaten Holstenstraße, da nicht genügend Kunden die Cafés, Restaurants und Läden besuchen und einige davon schliessen werden.

 

Das ist das Szenario, wenn der enge, siebenjährige Bauplan eingehalten wird. Was wäre jedoch, wenn der Bau fünf bis zehn Jahre länger dauert und das Doppelte kostet? Wenn das passiert, dann haben die heutigen Politiker gewonnen: Es wird sehr ruhig in der Kieler Innenstadt. Auch zu Hauptverkehrszeiten gibt es noch massive Kapazitäten in der Stadtbahn, die auf begrünten Gleisen durch leere Straßen quietscht. Geld für soziale Aufgaben gäbe es dann kaum noch.

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