Kostspielige und zeitraubende Leitungsverlegungen
Etwa einen Meter unter unseren Kieler Straßen verlaufen Kanäle und Leitungen für Strom, Telekommunikation, Wasser, Gas, Abwasser, Regenwasser usw. Jedes anliegende Haus besitzt entsprechende Anschlüsse. Diese Tiefe gewährleistet im Regelfall Schutz vor mechanischen Schäden, Frost und Erschütterungen. Damit das tiefe Fundament für die Trasse der tonnenschweren Stadtbahn gegossen werden kann, müssen die vorhandenen Leitungen allerdings verlegt werden. Wenn Leitungen und Kanäle sanierungsbedürftig sind, dann ist es sinnvoll, diese im gleichen Zuge zu sanieren.
Wie teuer wird die Verlegung bzw. Sanierung der Kanäle und Leitungen und wie lange dauert das?
Anfang 2021 haben die Gutachter für die Stadtbahn alle Pläne zum relevanten Leitungsbestand in Kiel erhalten. (Siehe Trassenstudie AP C-110, Zusammenfassung des vorhandenen, relevanten Leitungsbestands.)
In einer am 15. September 2024 überarbeiteten Bachelorarbeit zur Stadtbahn Lüneburg findet sich auf Seite 39 folgende Passage: "Dann könne man zum Beispiel wie in Kiel im Hinblick auf Versorgungsleitungen darauf achten eine Trassenverlegung oberhalb von längs verlaufenden Versorgungsleitungen zu vermeiden. Ist dies nicht möglich, könnten die Leitungen verlegt werden. Dies sei allerdings sehr aufwändig. Heilmann befürchtet Kanalverlegungskosten von 600 Mio. Euro und zehn Jahre zusätzliche Bauzeit bei der Kieler Stadtbahn."
Auf Seite 26 der Arbeit wird Sebastian Heilmann als Projektkoordinator der Stadtbahn im Tiefbauamt der Landeshauptstadt Kiel vorgestellt.
Im Februar 2025 erschien die Nutzen-Kosten-Analyse zur IBS1. Darin sind nur Kosten in Höhe von 55,5 Mio. € für die Leitungsverlegung und eine Bauzeit von vier Jahren für die IBS1 vorgesehen (IBS1-Bericht, Anhang, Blatt 10-2, Position 340 und Blatt 10-1).
Im März 2025 fragten wir von GrueKoS deshalb bei Oberbürgermeister Dr. Kämpfer nach: „Warum befürchtet das Tiefbauamt Kosten von 600 Millionen Euro und eine Bauzeitverlängerung von zehn Jahren durch die Verlegung unterirdischer Leitungen?”
Schließlich erhielten wir im Mai 2025 von Dr. Kämpfer folgende Antwort: "Das Zitat ist zwar korrekt, wird allerdings aus dem Zusammenhang gerissen. Es ging im Gespräch mit dem Verfasser der Bachelorarbeit darum, ob sich ein Bau einer Stadtbahn in Lüneburg lohnt – was vom Kollegen aus dem Tiefbauamt verneint wurde. In der konkreten Passage ging es darum, was passieren würde, wenn keine detaillierte Planung für die Leitungsinfrastruktur durchgeführt, keine Abwägung der Trassenlage und keine vorlaufende Leitungsverlegung erfolgen würde. Die Zahl war im Rahmen des Gesprächs eine spontane Hochrechnung, die sich nicht auf die tatsächliche Arbeit des Kollegen bezieht, sondern lediglich illustrieren sollte, weshalb sich eine solche Überlegung für Lüneburg nicht lohnt. Der Bezug war zudem auf das gesamte Netz der Stadtbahn bezogen. Es ist in diesem Sinne nicht als Stellungnahme der Landeshauptstadt Kiel zum aktuell veröffentlichten Kostenbericht zu sehen."
Im September 2025 teilte die Kieler Verkehrsdezernentin Alke Voß der Ratsversammlung mit, dass überschlägig eine Milliarde Euro notwendig seien, um die Kieler Kanalisation zu sanieren. Sie fügte hinzu, dass sie dafür weder einen Zeit- noch einen Maßnahmeplan habe (Drucksache 0917/2025).
Im Januar 2026 sagte der Leiter des Tiefbauamts, Peter Bender, auf einer IHK-Veranstaltung zur Stadtbahn, dass es ein Jahr dauert, um 700 m Leitungen im Einschichtbetrieb zu sanieren. Verkehrsdezernentin Voß war während der Aussage ebenfalls anwesend.
Rechnerisch bräuchte das Tiefbauamt für die Sanierung der Gesamtstrecke von 36,5 km demnach 52 Jahre.
Fazit:
1. Die Hochrechnung des Experten im Tiefbauamt zur Stadtbahn hätte nicht einfach ignoriert werden dürfen. Im Gegenteil: Eine derartige Diskrepanz zum aktuell veröffentlichten Kostenbericht der Landeshauptstadt Kiel hätte Alarmsignale auslösen müssen.
Stattdessen werden die 55,5 Millionen Euro und die vierjährige Bauzeit im IBS1-Bericht beibehalten, und im September 2025 liegt immer noch kein Maßnahme- oder Zeitplan vor.
2. Mit den neuen Informationen scheinen die Schätzungen von Herrn Heilmann von 600 Millionen Euro bzw. 60 % von einer Milliarde Euro sehr realistisch. Die Stadtbahn fährt schließlich quer durch Kiel und verbindet alle wichtigen Stadtteile miteinander. Daher wird auch ein großer Teil der Leitungen betroffen sein.
3. Zehn Jahre Bauzeitverlängerung scheinen ebenfalls plausibel, wenn Verlegungen bzw. Sanierungen nur für einen Bruchteil der Strecke notwendig werden und im Vorwege tatsächlich eine detaillierte Planung für die Leitungsinfrastruktur, eine Abwägung der Trassenlage und eine vorlaufende Leitungsverlegung erfolgen. Laut Frau Voß gab es diese Planung jedoch noch nicht, als Dr. Kämpfer unsere Anfrage beantwortete. Woher war er sicher, dass Herr Heilmann Unrecht hatte?
4. Wichtig ist nun, dass die Kosten- und Zeitberechnung dringend der Realität angepasst und transparent kommuniziert wird. Dann steht wohl an, die Finanzen der Stadtbahn neu zu berechnen und das Gesamtprojekt kritisch zu hinterfragen.
Für den interessierten Leser haben wir die referenzierte Diplomarbeit als .PDF hinterlegt: